| Wenn Sie dieses Wort ein paar Mal vor sich hinsagen, ob mit kurzem oder langem a, das ist eben die Frage.... Marzili, um Gottes Willen nicht mit einem rollenden r, der erste i kurz, aber prägnant, das z zischend, das zweite i leicht ge-, aber nicht überdehnt, Marzili.... haben Sie's? Wenn Sie es haben, und davon gehe ich aus - vielleicht mit Ausnahme des rollen-den r, es wegzubringen ist für manche Bernerlnnen schwierig -, dann werden Sie feststellen, dass der Klang dieses Wortes seine Reize hat, Wirkung zeitigt und Assoziationen auslöst. Das Mar- klingt ruhig, fast träge, ein für bernische Ohren durch und durch vertrauter Laut, er stösst nirgends an und tut nicht weh. Er ist möglicherweise ein wenig besitzergreifend, aber immer unverbindlich warm. Das -zili dagegen tönt frech, keck, vorlaut, wach, auch ein wenig spöttisch und ironisierend, manchmal aggressiv. Der Dualismus der beiden Silben, es handelt sich hier um ein eigentliches Ying Yang à la bernoise, prägt das Gemüt der Bernerinnen seit Jahrhunderten. Die Geschichte Berns ist eine ununterbrochene Folge von Mar- und zili-Phasen. Wir dürfen deshalb hoffen, dass auf die momentane Phase der Trägheit und Selbstgefälligkeit (mindestens soweit es die Obrigkeit betrifft) in Bälde eine unternehmende und mutige Zeit folgen wird, die unsere Stadt etwas weniger verzagt und hilflos erscheinen lässt! Zurück zur Frage nach dem kurzen oder langen a, sie ist gleichbedeutend mit der Frage nach der Herkunft dieser seltsamen Bezeichnung. Den Deutungsversuch mit der Marcelluskapelle, die in grauer Vorzeit ungefähr dort gestanden haben soll, wo heute das Marzilibähnli zu seiner Bergfahrt zu starten pflegt, den lasse ich schlicht weg, er passt nicht in mein Marzilibild.
| | Ähnlich verhält es sich mit der Version, die aus "Mar" für Sumpf und "Sile" für Schleuse die Marsile zusammenbastelt. Diese Konstruktion ist nach Heinrich Türler nicht haltbar, weil die verbundenen Wörter völlig verschiedener Herkunft sind. Die nächste Version der Sprachdeutungsforscher ist die mit Marseille. Danach hat sich eine oder einer von dort vor geraumer Zeit im Marzili zu schaffen ge-macht. Die alten Schreibweisen für diese Stadt sind Marsilium, Marsilie oder, verdeutscht, Marsilien, das leuchtet ein. Allerdings wundert mich eines: Wie konnte sich beim legendären Talent der Bernerlnnen, Wörter zu verdrehen, ein Name mehr als siebenhundert Jahre praktisch unverändert halten? Genau bei diesem Zweifel liegt die Chance der vierten Version, der hausbakkenen sozusagen. Marzili bedeutet danach nichts anderes als im Aar Ziele. Im und Aar verstehen wir auf Anhieb, Ziel, Ziehl oder Zyhl bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie Warenumschlagplatz am Stadtrand, Ort, wo bezahlt und getauscht wurde, eine damals geläufige Bezeichnung, die auch im Burgernziel enthalten ist. Das Unangehme an dieser einleuchtenden Erklärung ist, dass die Bezeichnungen Marsili, Marsilie und Marsilien bereits für das 13. und 14. Jahrhundert nachgewiesen werden können, während die Aarziele eine Wortschöpfung des 18. Jahrhunderts ist. Diese Zeit, die Aufklärung, ist bekannt für ihre Tendenz zu Verwissenschaftlichung. Anerkennung fand damals nur, was verstandesmässig erfassbar war und (oft eben recht vordergründig) erklärt werden konnte.... folglich, wenn Sie mich fragen, ein kurzes, prägnantes a, und ja nie mehr Marzer, denn ohne zili... haben Sie's begriffen?
|